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Kapitel 5 – Der letzte Sommer in Herschberg (1981)

Der Weg des Lichts

Kapitel 5 – Der letzte Sommer in Herschberg (1981)

6 Min 2025-11-08

Man sagt, man merkt nicht, wenn eine Zeit zu Ende geht. Aber ich hab’s gemerkt. Nicht mit dem Kopf – sondern mit dem Bauch. Irgendwas in mir wusste, dass dieser Sommer anders war. Vielleicht, weil das Licht weicher fiel. Oder weil die Stimmen auf der Straße ein kleines bisschen leiser klangen.

Ich war zwölf. Alt genug, um zu spüren, wenn etwas kippt. Und jung genug, um zu glauben, dass es ewig dauert.


Der Sommer von ’81 war warm – so warm, dass der Asphalt mittags klebte und die Sonne über den roten Dächern wie Honig stand.

Wir hingen auf dem Bolzplatz rum, wo früher der Hartplatz war, und spielten bis zur Erschöpfung. Staub, Schweiß, Lachen – das war unser Alltag.

Uwe war natürlich dabei, Silke auch – die immer schneller rannte als wir. Sie hatte diese freche Art, die Jungs in den Wahnsinn trieb, aber keiner sagte’s laut.

Udo war eher der Denker. Er saß gern auf dem Mäuerchen bei der Schule und sah den Wolken nach. Wenn er sprach, war’s selten – aber meistens klug.

Ich glaub, wir waren ein gutes Team – jeder auf seine Art verrückt, und zusammen irgendwie unbesiegbar.

Am Abend, wenn’s kühler wurde, zogen wir durchs Dorf – an den Kneipen vorbei, am Café Hartmann, wo das Eis immer ein bisschen zu süß war, und am „Juna“, wo die Männer schon saßen: Zigarettenrauch, Gelächter, und der Klang von Gläsern.

Wir rochen das Leben – so wie’s nur Kinder können.

Oft endete der Tag auf der Wiese oberhalb der Schule. Da legten wir uns ins Gras, sahen in den Himmel und redeten über alles: über das, was wir werden wollten, über Motorräder, Abenteuer – und manchmal, ein bisschen verschämt, über Mädchen.

Aber für mich war das damals noch weit weg. Mein Herz schlug für die Freiheit, nicht für die Liebe.

Der Abschied

Dann kam der Tag, an dem meine Eltern sagten, wir ziehen um. Schauerberg. Fünf Kilometer weiter.

Ich weiß noch, wie sich das Wort anfühlte – fremd, kalt, wie ein Punkt auf der Landkarte, der nichts mit meinem Leben zu tun hatte.

Ich dachte, ich müsste alles zurücklassen: Uwe, Silke, den Spielplatz, die alten Wege, die Geräusche des Dorfs, die Stimmen am Abend, selbst den Geruch des Hauses meiner Oma.

Das tat weh. Nicht wie ein Schnitt – mehr wie ein langsames Ziehen, das tief reingeht.

Ich erinnere mich, wie ich in der letzten Woche noch einmal durch jede Straße ging. Ich wollte mir alles einprägen – den rostigen Zaun beim Nachbarn, das Summen der Bienen hinterm Garten, die Kirchenglocken am Sonntagmorgen.

Ich hatte das Gefühl, wenn ich mir das alles merke, kann es mir keiner nehmen.


Am Umzugstag stand Uwe da, die Hände in den Taschen, und versuchte, cool zu bleiben.

„Fünf Kilometer“, sagte er, „das ist nix, Christian. Die laufen wir im Sommer einfach.“

Ich lachte. Aber innerlich dachte ich: Fünf Kilometer – das sind Welten.

Doch wir haben’s tatsächlich getan. Nicht oft, aber ein paar Mal. Barfuß über den warmen Asphalt, mit ’ner Flasche Apfelsaft in der Hand und Geschichten im Kopf.

Fünf Kilometer, die uns zeigten, dass Freundschaft keine Grenzen kennt.

Ich erinnere mich noch an den letzten Abend in Herschberg. Die Sonne ging tief über den Feldern unter, und das Licht machte das Dorf golden.

Oma stand am Fenster, wischte sich die Hände an der Schürze ab und sagte nur:

„Jung, wo du auch hingehst – vergiss net, wo de her kummst.“

Ich hab’s nie vergessen. Nicht Herschberg. Nicht den Geruch von Sommerstaub. Nicht das Gefühl, dass die Welt groß und klein zugleich sein kann.

Ich glaube, ein Teil von mir ist nie wirklich ausgezogen. Er sitzt noch irgendwo auf der Wiese über der Schule, sieht in den Himmel und wartet, bis der Wind aus der Pfalz wiederkommt.

Der letzte Sommer. Das erste Abschiedsjahr. Und irgendwo zwischen Himmel und Erde lernte ich, was Bleiben heißt.