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Kapitel 4 – Zwischen Himmel und Erde (1979–1981)

Der Weg des Lichts

Kapitel 4 – Zwischen Himmel und Erde (1979–1981)

5 Min 2025-11-08

Es war, als hätte jemand das Licht im Dorf leicht gedimmt. Nicht dunkel – aber anders. Die Tage fühlten sich nicht mehr so endlos an, und in mir begann etwas, das ich damals noch nicht kannte: Nachdenken.

Mit der dritten Klasse kam der Bus. Ein gelbes Ungetüm mit eigenem Geruch – eine Mischung aus Diesel, Leder und Kaugummi. Jeden Morgen stand ich mit meinem Schulranzen an der Haltestelle, zwischen älteren Schülern, die schon nach Zigaretten rochen, und Kleineren, die noch Mamas Hand suchten.

Der Bus brachte uns nach Wallhalben. Das war keine Weltreise – vielleicht zehn Kilometer – aber für mich war’s der erste Schritt in eine größere Welt.


Ich erinnere mich an den ersten Tag dort. Die Schule war riesig, der Lehrer streng, und in der Pause gab’s Käsestangen aus dem Kiosk, die so schmeckten, als hätte jemand Sonne gebacken.

Ab da begann mein eigener Rhythmus – nicht mehr nur Herschberg, sondern Schule, Freunde, Musik, Neugier.

Musik

Und Musik, ja. Die kam wie ein Sturm. Im Radio liefen plötzlich Lieder, die anders waren als das, was Oma hörte. „Sonderzug nach Pankow“, „Odyssee“, und irgendwann auch Nena, Trio, Spliff – die Neue Deutsche Welle war wie eine Explosion im Kopf.

Udo Lindenberg war mein Held. Der Mann mit dem Hut, der sang, wie einer, der das Leben nicht nur sah, sondern fühlte – schräg, ehrlich, mit Herz. Ich hörte ihn heimlich auf Kassette, meist abends, wenn das Haus still war.

Seine Stimme klang wie das, was ich später selbst werden wollte: echt.

Das Dorf und die Stille

Im Dorf änderte sich nichts – und doch änderte sich alles. Ich wurde größer, sah Dinge, die ich früher nicht sah. Zum Beispiel beim Schlachten. Das war nichts Besonderes – es gehörte dazu. Aber an einem Tag, ich war vielleicht zehn, stand ich dabei, als der Schlachter, ein Freund meines Onkels Richard, das Schwein teilte.

Ich weiß noch, wie ruhig es war. Nur das metallische Klirren, der Atem der Männer, und dann dieses Schweigen. Das Schwein hing an der Wand, in zwei Hälften – und ich sah zum ersten Mal, wie Leben und Tod direkt nebeneinander stehen.

Ich sagte nichts – aber irgendwas in mir verstand, dass alles, was lebt, auch vergeht. Nicht traurig – nur echt.

Danach schmeckte die Wurst im Keller anders. Vielleicht, weil ich wusste, woher sie kam. Vielleicht, weil ich ein Stück erwachsener wurde.


Freundschaft und Glaube

Uwe und ich spielten weiter, trieben Blödsinn, lachten, liefen barfuß durch den Sommerregen. Von Krankheit war keine Spur. Er war stark, voller Energie, und manchmal sagte er:

„Christian, wir zwei – wir schaffen alles, was kommt.“

Ich nickte. Damals glaubte ich ihm ohne Zweifel.

Und weißt du was? Ich glaube ihm bis heute.


Zwischen Himmel und Erde begann das Denken – und mit ihm das Fühlen. Ein Kind sah das Leben. Und zum ersten Mal – verstand es ein Stück davon.