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Kapitel 2 – Das Haus auf der Höhe

Der Weg des Lichts

Kapitel 2 – Das Haus auf der Höhe

3 Min 2025-11-07

Das Haus mit dem Herz

Es gibt Häuser, die sind mehr als Mauern. Sie haben ein Herz. Und das in Herschberg schlug im Rhythmus eines Holzofens.

Wenn ich heute die Augen schließe, sehe ich das Haus wieder vor mir – meiner Oma ihr Reich. Vorne der Windfang aus Holz und Glas, in dem der Regen leise trommelte, und der Liebstöckelbaum, dessen Blätter meine Mutter in fast jede Suppe warf.

„Damit’s nach Zuhause schmeckt“, sagte sie. Und sie hatte recht.

Im zweiten Stock zogen meine Eltern ein. Mein Vater hatte den Schreinerhammer noch in den Händen, meine Mutter den Duft der Fabrik noch in den Kleidern. Und dazwischen – ich. Ein kleiner Wurm, der so laut schrie, dass die Nachbarn am nächsten Morgen sagten:

„Der Berliner hat jetzt sein eigenes Radio.“

Unten, im Keller, wohnte mein Onkel Alwin. Ein stiller Mann, freundlich, aber eigen. Er hatte ein kleines Fenster zur Straße hinaus, und manchmal, wenn ich später dort vorbeiging, roch es nach Holzleim und alter Zeitung.

Er pfiff oft, wenn er arbeitete – immer dasselbe Lied. Ich weiß bis heute nicht, wie es hieß, aber es klingt noch manchmal in mir nach.

„Erst kocht’s Wasser, dann kocht’s Leben.“
– Oma Olga

Oma war die Mitte von allem. Morgens stand sie früh auf, heizte den Ofen, stellte den Topf drauf und sagte genau diesen Satz. Sie meinte das wirklich so. Und ihr Essen – einfach, ehrlich, das, was die Leute damals „arme-Leut-Küche“ nannten – war das Beste, was ich je gegessen hab.

Ich schwör, wer einmal ihre Erbsensuppe gerochen hat, vergisst den Geruch nie wieder.


Hinterm Haus gackerten die Hühner, im Garten wuchsen Bohnen, Tomaten und ein Misthaufen, der nie ganz klein wurde. Opa kümmerte sich um alles, ging morgens zum Sportplatz, um die Linien zu ziehen, und kam mittags zurück, mit Staub an den Schuhen und einem zufriedenen Gesicht.

„Na, grad?“ fragte Oma.
„So grad wie mei Hand,“ sagte er – und lachte.

Rechts von uns wohnten Anton und Hilde mit ihrem Sohn Udo. Udo war fast so alt wie ich – mein erster bester Freund. Wir bauten Festungen aus Brettern, spielten mit Dreck und glaubten, wir wären Helden.

Links war das Gemeindehaus – Hans, Ruth und ihre Kinder: Uwe, Markus, Silke, Bianca und der kleine Timo. Ein ganzes Orchester an Stimmen, und wenn einer lachte, lachten alle.


Die Straße war unser Spielplatz. Es gab keinen Kindergarten, keine Aufsicht, keine Helme. Nur Freiheit – und ab und zu ein Pflaster von Oma, wenn’s wieder Schrammen gab.

„Des heilt“, sagte sie. Und sie hatte immer recht.

Ich erinnere mich an meine ersten Sommer in diesem Haus wie an alte Filme, die in der Sonne flimmern. Manchmal rieche ich sie heute noch – diese Mischung aus Holz, Staub und Bohnen, aus Heu und Waschpulver, das auf der Leine nach Wind schmeckte.

Morgens, wenn die Sonne durchs Fenster fiel, sah ich Staubkörner tanzen. Ich dachte damals, das wären kleine Seelen, die tanzen, weil sie sich freuen, dass es hell ist. Und ehrlich? Vielleicht war’s ja so.


Meine Eltern waren jung, verliebt und überfordert – in dieser Reihenfolge. Mein Vater arbeitete in der Werkstatt, kam oft mit Sägemehl im Haar nach Hause, meine Mutter war in der Schuhfabrik, wo der Geruch von Leder und Klebstoff in den Kleidern hängen blieb.

Wenn sie heimkam, roch die Küche nach beidem: Holz und Leder. Und irgendwie war das Zuhause.

Abends saßen sie manchmal auf der kleinen Bank vor dem Haus. Er rauchte, sie strickte, und ich lag auf einer Decke auf der Wiese. Die Hühner gackerten, der Himmel wurde orange, und der Wind kam über die Sickinger Höhe, als würde er jedem Haus kurz durchs Haar fahren.

„Das ist Gott, der mir über die Finger streicht“, dachte ich damals.

Hinterm Haus, gleich beim Zaun, war die Welt für mich zu Ende – aber in meinem Kopf ging sie dort erst los. Ich baute aus alten Brettern kleine Autos, schraubte Dosen zusammen, zerlegte alles, was ich finden konnte.

Mein Vater schüttelte immer den Kopf: „Der Bub macht nix ganz – der macht nur kaputt.“
Und Oma lachte nur: „Lass ihn, der will die Welt halt von innen sehen.“

Ich glaub, das hat mich nie verlassen. Ich wollte immer wissen, was drin ist – in Dingen, in Menschen, im Leben.


Manchmal stand der Nachbar Hans mit verschränkten Armen am Zaun. „Na, Christian, bauschd widder die Welt um?“ „Jo“, sagte ich. „Aber diesmal wird se besser.“ Er lachte, zog an seiner Pfeife, und von drüben rief Ruth:

„Hans! Kommsch mol her, s’Esse is fertig!“

So war das in Herschberg – man redete laut, man lachte laut, und man liebte still.


Sonntags war der große Tag. Da roch das ganze Haus nach Suppe, Braten und Sonntagsruhe. Oma kochte schon früh, und wenn ich zu nah an den Topf kam, klatschte sie leicht mit dem Holzlöffel auf meine Hand.

„Erst beten, dann löffeln“, sagte sie. Ich hab damals geglaubt, Gott sitzt in ihrem Suppentopf. Und manchmal, wenn ich die Augen schloss, hätt ich schwören können, ich hör ihn blubbern.

Eines Tages fiel ich die Treppe runter – diese alte, schmale, mit dem kalten Geländer. Ich weiß noch den Aufprall, das dumpfe Geräusch, und dann nur noch Omas Stimme:

„Jesus, Maria, der Bub blutet!“

Ich hatte Glück. Die Narbe zwischen den Augen – die hab ich heute noch. Oma sagte, die bleibt:

„Damit du net vergisst, dass Engel auch manchmal stolpern dürfen.“

Ich hab’s nie vergessen.


Das Leben oben auf der Höhe war einfach, aber nicht leer. Die Tage liefen wie Lieder, die keiner aufgeschrieben hat. Man kannte die Reihenfolge – aber nie den Text.

Wenn ich heute zurückdenke, dann war Herschberg keine Kindheit – es war ein Anfang. Ein langsamer, warmer Anfang.

Hier begann das Herz des Hauses zu sprechen.
Und mit ihm – mein eigener Klang.