Der Weg des Lichts
Kapitel 3 – Die ersten Jahre (1970–1974)
Wenn ich an die frühen Siebziger denke, rieche ich zuerst das Radio. Kein Witz – Radios hatten damals einen eigenen Geruch: warmes Holz, Staub, Röhrenhitze. Es stand bei meiner Oma auf dem Küchenschrank, neben dem Kreuz und der Dose mit dem Nähzeug.
Morgens, kurz nach den Glocken, drehte sie es auf. Es rauschte, knackte, dann kam eine Stimme: „Hier ist der Südwestfunk, die Nachrichten…“ Manchmal spielte Musik danach – Udo Jürgens, Peter Alexander, Heintje. Und zwischen all dem: das Leben.
Ich war jetzt alt genug, um das Dorf wirklich zu sehen. Nicht nur den Garten, die Hühner, die Werkstatt meines Vaters – sondern die ganze kleine Welt drumherum. Herschberg war kein Ort, den man verließ – es war eine Gewohnheit, die man liebte.
Wenn einer doch mal wegzog, redeten die Leute eine Woche drüber und grüßten sein leeres Haus noch Monate lang.
„Das Dorf vergisst nicht – es atmet mit jedem, der bleibt.“
Die Tage liefen ruhig, aber jeder hatte seine Melodie. Morgens der Klang der Milchkannen, mittags das Klopfen aus der Schmiede, nachmittags das Quietschen der Schubkarre, wenn Opa den Mist auf den Haufen brachte. Und abends das Murmeln aus den Kneipen.
Das Dorf lebt
Ich sehe sie alle wieder, wenn ich erzähle: Frau Hartmann, die im Café Hartmann stand und „Bällchen-Eis“ verkaufte – immer eine Kugel zu wenig, aber doppelt so viel Charme.
Im „Juna“ wurde gefeiert – Kerwe, Geburtstage, alles. Da roch’s nach Bier, Rauch und Pommesfett, und wenn die Musik lauter wurde, tanzte sogar der Bürgermeister. Im „Hemichels“ war’s feiner – da gingen die Familien hin, an Weihnachten oder wenn’s mal ein Schnitzel geben sollte, das größer war als der Teller.
„Im Hemichels gab’s das beste Bierglasgeräusch der Welt.“
– Und wenn ich das heute höre, bin ich wieder sieben.
Unten an der Straße war der Tante-Emma-Laden „Otto’s“. Da holte ich mit einem Zettel von Oma Butter, Zucker und manchmal fünf Pfennig Bonbons. Fünf Pfennig! Ich schwör, die schmeckten nach Abenteuer.
Otto, der Besitzer, hatte immer denselben Spruch:
„Christian, sag de Oma, ich schreib’s auf!“
Er schrieb alles auf – manchmal auch Dinge, die nie jemand bezahlte.
Das war Herschberg: Vertrauen mit Bleistift.
Freundschaften
Udo, der Nachbarsjunge, war mein erster Verbündeter. Wir spielten im Hof, bauten Autos aus Dosen, ließen Murmeln über Bretter rollen und schworen uns, nie erwachsen zu werden.
Links drüben, im Gemeindehaus, wohnten Hans und Ruth. Ihre Kinder – Uwe, Markus, Silke, Bianca und Timo – waren eine ganze Armee. Wenn sie lachten, wackelten die Fensterscheiben.
Uwe war der Älteste, und ich mochte ihn sofort. Er hatte dieses Lächeln, das sagte: „Komm, wir bauen Blödsinn – aber sagen’s keinem.“ Das war der Beginn einer Freundschaft, die mich nie ganz losließ.
Wir trafen uns auf dem Bolzplatz, spielten barfuß Fußball, bis die Füße schwarz waren und die Knie bluteten.
„Wenn Blut kommt, isch’s Training erst gut!“ – rief Uwe.
Ich glaub, er hatte recht.
Am Rand des Platzes standen die Väter, Zigaretten in der Hand, und stritten darüber, wer bei Lautern spielen sollte. „Der Kuntz muss nei!“ – „Nee, der is noch e Bub!“ So klang Pfalz. Und mittendrin: wir Kinder, wild, frei, unzerstörbar – dachten wir.
Schule und Stille
Als ich eingeschult wurde, wusste ich nicht, dass man dort stillsitzen musste. Ich war neugierig, aber still – so still, dass der Lehrer in jedes Zeugnis schrieb:
„Christian verhält sich sehr passiv.“
Das stand da jedes Jahr, wie ein Fluch und ein Lob zugleich. Ich sprach wenig, hörte viel. Ich mochte den Geruch der Kreide, das Knarren der Bänke – aber ich mochte die Pausen noch mehr. Da konnte ich wieder rennen. Wieder atmen.
Nach der Schule ging ich oft zu Oma. Sie hatte immer was auf dem Herd.
„Magst e bissel Suppe?“ – das war nie eine Frage, das war ein Versprechen.
Manchmal setzte sie sich dann zu mir,
und wenn sie dachte, ich merke es nicht,
streichelte sie mir durchs Haar und murmelte:
„Der Christian, der hat a Herz wie a Schwamm. Der saugt alles uff.“
Vielleicht war’s so. Vielleicht saug ich bis heute alles auf – damit nix verloren geht.
Es gab in Herschberg Zeiten, da schien der Sommer nie enden zu wollen. Die Tage waren lang, die Sonne blieb bis spät, und irgendwo im Dorf roch es immer nach Heu, Kohle oder frischgebackenem Kuchen.
Wenn die Schule vorbei war, rannten wir los – die Hefte flogen in die Ecke, und wir verschwanden zwischen Hof, Garten und Wiesen.
Udo und ich, manchmal auch Uwe – und wer sonst noch Zeit hatte. Wir bauten Hütten aus Brettern, machten Schwerter aus Stöcken und führten Kriege, die nie weh taten.
Wir waren Ritter, Cowboys und Forscher gleichzeitig.
Uwe hatte immer die besten Ideen – die gefährlichsten, aber auch die lustigsten. Einmal banden wir leere Dosen an unsere Fahrräder, damit’s klingt wie ein Motorrad.
Das ganze Dorf hörte uns kommen,
und Opa rief durchs Fenster:
„Da fährt der Fortschritt durch Herschberg!“
Er lachte, und Oma schimpfte halb im Spaß:
„Wenn se ned aufpass’n, liegt der Fortschritt gleich im Dreck.“
Und sie hatte recht – ich flog kurz danach vom Rad. Ein blutiges Knie, zwei Lachanfälle später war alles wieder gut.
Kerwe, Winter, Glaube
Sonntags war was Besonderes: Kerwe, Fußball oder Kirchgang. Die Kerwe war das Highlight des Jahres.
Am Spielplatz standen Boxautos, Karussell, Losbude, und der Duft von gebrannten Mandeln lag über allem. Man hörte Musik aus Lautsprechern, und überall Stimmen, Lachen, Rufe. Erwachsene mit Bier, Kinder mit Zuckerwatte, und irgendwo spielten zwei Jugendliche Kirmeshelden, die versuchten, am Schießstand Herzen zu gewinnen.
Ich weiß noch, wie ich an Papas Hand ging. Er hatte sein bestes Hemd an, die Haare nach hinten gekämmt, Zigarette im Mund. Mama trug ihr helles Kleid, das sie selbst genäht hatte. Sie sah wunderschön aus.
Und obwohl ich klein war, spürte ich: Es gibt Momente, die man für immer behalten will – selbst wenn man sie nicht versteht.
Der Winter kam immer still. Wenn der erste Schnee fiel, roch das Haus plötzlich anders – nach Kohle, Suppe und Wolle. Oma trug ihre Strickjacke, Opa hackte Holz draußen. Mein Vater arbeitete, meine Mutter nähte. Ich saß am Fenster, sah die Flocken fallen, und dachte, dass Schnee irgendwie wie Frieden aussieht.
„Des isch de Windgott, der singt“, sagte Oma, wenn der Kamin pfiff – und ich glaubte ihr.
Ich glaubte damals fast alles, weil ihre Worte sich anfühlten wie Decken an kalten Tagen.
Frühling und Freundschaft
Im Frühling erwachte das Dorf wieder. Die Hühner gackerten lauter, die Wiesen wurden grün, und auf dem Bolzplatz flog der Ball, bis die Sonne unterging. Wir spielten barfuß, lachten – und manchmal saß ich einfach nur da und sah den Himmel an.
Ich hatte keine Ahnung, was aus mir werden würde, aber ich wusste: Dieses Leben in Herschberg formt mich – mit jedem Kratzer, jedem Lachen, jedem Tag.
Manchmal, wenn ich heute an diese Zeit denke,
frage ich mich, ob wir arm waren.
Und jedes Mal sage ich mir:
Nein.
Wir hatten wenig – aber es war genau genug, um glücklich zu sein.
Je älter ich wurde, desto kleiner wurde Herschberg. Nicht, weil das Dorf schrumpfte – sondern weil die Welt langsam größer wurde.
Da draußen gab’s Städte, Busse, Fernseher mit drei Programmen und Musik, die anders klang als die Blasmusik auf der Kerwe. Aber Herschberg hatte seinen eigenen Rhythmus – und ich wuchs mitten darin auf.
Im Winter schaufelten wir Schnee, bis uns die Finger brannten, und Oma stellte heißen Kakao auf den Tisch – dick und süß. Im Frühling liefen wir barfuß durch den Garten, und ich schwor mir, irgendwann die Welt zu sehen – nicht ahnend, dass sie mich später oft überrollen würde.
„Wenn wir groß sind, machen wir was mit Rädern oder Motoren“, sagte Uwe einmal. Ich nickte – und glaubte, Freiheit riecht nach Benzin.
Udo wohnte nebenan – mit ihm verband mich Kindheit pur: laut, wild, ehrlich. Wir stritten, lachten, und eine Stunde später saßen wir wieder nebeneinander. So funktioniert Freundschaft, wenn man acht ist – keine Entschuldigungen, nur Lachen und ein neues Spiel.
Im Dorf passierte selten etwas Spektakuläres. Aber genau das war das Schöne. Ein neuer Traktor, ein umgefallener Zaun, oder wenn die Kühe vom Nachbarn ausbrachen – das war schon Gesprächsstoff für Tage.
Abends saßen die Männer im „Juna“ oder im Sportheim, und wenn man an der Tür vorbeiging, hörte man Gelächter, das gegen die Kälte anbrüllte.
Manchmal stand ich am Fenster, sah das Licht aus der Kneipe und dachte:
„Da drin lachen die Großen. Eines Tages lache ich da mit.“
Ich wusste nicht, dass Lachen manchmal nur ein anderes Wort für Aushalten war.
Mit der Zeit wurde das Haus stiller. Mein Vater arbeitete viel – manchmal zu viel. Wenn er heimkam, roch er nach Holz – und manchmal nach Bier. Mama schwieg dann, aber ihr Schweigen war lauter als Worte. Ich verstand das erst später.
Trotz allem – oder vielleicht gerade deswegen – war da immer Liebe. Nicht laut, nicht wie im Kino, sondern wie eine Hand auf der Schulter, die bleibt, auch wenn’s stürmt.
Ich erinnere mich an einen Abend: Wir saßen zu dritt am Tisch. Draußen regnete es, das Radio rauschte. Mein Vater schnitzte an einem Stück Holz, meine Mutter stopfte Socken, und ich zeichnete einen Vogel auf Papier.
Niemand sprach. Aber das war einer der friedlichsten Momente meines Lebens.
Wenn ich heute zurückblicke, verstehe ich: Herschberg war kein Ort – es war ein Herzschlag. Und alles, was danach kam, war ein Echo davon.
Ein leises Radio. Ein Dorf voller Stimmen. Und der Anfang eines Lebens, das zu hören begann.