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Kapitel 1 – Herschberg, Sommer 1967

Der Weg des Lichts

Kapitel 1 – Herschberg, Sommer 1967

2 Min 2025-11-07

Herschberg, Sommer 1967

Herschberg lag nicht in einem Tal, wie viele glaubten, sondern oben, auf der Sickinger Höhe – stolz, ruhig, ein Stück näher am Himmel. Wenn der Wind über die Felder kam, roch er nach Korn, Erde und einer Ahnung von Freiheit.

Damals, 1967, war das Dorf klein, aber es hatte alles, was eine Welt braucht: eine Kirche, eine Schmiede, drei Kneipen, einen Tante-Emma-Laden – und jede Menge Geschichten.

Wenn man mittags durch die Hauptstraße ging, hörte man das Pochen des Hammers aus der Schmiede, das Klirren von Biergläsern aus dem Café Hartmann und das Scheppern eines Fahrrads, das wieder einmal die Bordsteinkante unterschätzt hatte.


Ich seh sie noch vor mir, die Gesichter – als wäre das alles gestern gewesen. Die Männer mit grauen Hosen, die Frauen mit Lockenwicklern im Haar, Kinder mit offenen Knien und Lachen, das man bis zur Kirche hörte.

„Wenn du durchs Dorf gingst, kanntest du jeden Schritt, jedes Gesicht. Und jeder kannte dich.“

An einem solchen Abend begann die Geschichte meiner Eltern. Damals sagte man nicht „Party“ – man sagte Musik.

Wenn’s hieß, im Jugendheim gibt’s Musik, dann wusste das ganze Dorf: Da wird getanzt, getrunken, geflirtet – und natürlich geredet. Am nächsten Tag, doppelt so viel.


Meine Mutter, Erika, ging damals mit ihrer Freundin hin. Beide in Kleidern, die sie sich selbst genäht hatten. Die Stoffe waren billig, aber die Mühe, die Liebe, die sie reingesteckt hatten, sah man sofort.

Und irgendwo zwischen Bier und Akkordeon trat mein Vater in den Raum. Jürgen. Der Berliner. Alle nannten ihn „Icke“.

„Fast wie James Dean“, sagten die Frauen. „Aber der säuft bestimmt auch so“, sagten die Männer. Manchmal hatten beide recht.

Er sah meine Mutter. Und sie sah ihn. Ich schwör’s, in diesem Moment stand die Zeit still – zumindest erzählen sie’s so.

Er grinste, zog an seiner Zigarette und sagte leise: „Na, Mädchen, hier oben aufm Berg – atmet man da besser oder nur schneller?“
Sie antwortete: „Kommt drauf an, wer neben einem steht.“ Und lachte.


Draußen rauschte der Wind durch die Bäume. In der Ferne hörte man, wie jemand auf einem Moped wegfuhr, und über allem lag diese warme, aufgeregte Luft, die nur Sommerabende haben, an denen zwei Menschen einander finden, ohne zu wissen, dass sie gerade eine Zukunft beginnen.

Ich glaub, an diesem Abend hat das ganze Dorf ein kleines bisschen gezuckt, als sich die zwei gefunden haben. In Herschberg blieb selten was unbemerkt – die Fensterläden waren offen, und hinter jedem Vorhang gab’s Augen. Wenn man sich zu lang unterhielt, hatte man am nächsten Tag garantiert schon „was miteinander“.


Im Jugendheim lief die Musik lauter, das Licht flackerte leicht. Der Geruch von Bier, Schweiß und Zigarette mischte sich mit den süßen Parfümnoten der Mädchen. Irgendwo lachte jemand zu laut, und an der Theke stritten zwei Bauern darüber, ob Kaiserslautern endlich wieder aufsteigen würde.

„Wenn die net endlich e gescheite Abwehr krieje, dann iss vorbei!“
– „Ach, du babbelst!“
Und der Wirt schüttelte nur den Kopf.

Zwischen all dem stand meine Mutter – ruhig, aber nicht unscheinbar. Sie war keiner, der laut lachte oder sich vordrängte. Doch wenn sie lächelte, blieb’s hängen. Mein Vater merkte das sofort.

Er hatte viele Frauen gesehen, aber bei ihr schaute er zweimal hin.

„Komm, tanz mit mir,“ sagte er einfach. Sie zögerte, sah sich kurz um – dann nickte sie. Es war kein filmreifer Tanz: Er war unbeholfen, sie lachte, und er trat ihr mehrmals auf die Füße.

„Na, icke kann’s besser mit Holz als mit Beene!“
– „Na, dann bleib beim Schreiner!“
Und sie lachte wieder.

Später saßen sie draußen auf der Bank vorm Jugendheim. Der Himmel war noch hell, nur der Mond stand schon da – ein weißer Fleck über den Feldern. Man hörte die Grillen, das ferne Klirren der Gläser aus dem Café Hartmann.

Er erzählte ihr von Berlin – wie laut es da sei, wie alles voller Straßenbahnen, und dass man in Höheinöd wenigstens noch die Sterne sehen könne. Sie erzählte ihm vom Hof, von der Arbeit in der Schuhfabrik, vom Liebstöckel im Garten und vom Holzofen, der den ganzen Winter durchglühte.

Zwei Welten, zwei Stimmen – und doch: Es klang, als gehörten sie zusammen.

Am nächsten Tag wusste es das halbe Dorf. „Hast du gesehn, die Erika mit dem Berliner?“ „Jo, der hat se an der Musik aufgelesen.“ „Der zieht bestimmt wieder fort.“

Aber er zog nicht fort. Er blieb. Er kam wieder und wieder – zuerst zum Kaffee, dann zum Abendessen, dann, irgendwann, einfach so.


Ich stell mir manchmal vor, wie das war, wie er mit seiner Zigarette vorm Haus stand, meine Oma aus dem Fenster sah, und sie leise sagte: „Der passt net in unser Dorf.“

Und wie sie dann doch schmunzelte, als er im Garten den Zaun reparierte und meine Mutter in der Küche sang.

So wuchs etwas heran – leise, echt, zwischen Holz, Leder und dem Klang von Kirchenglocken. Und das Dorf gewöhnte sich an den Berliner, weil er mit der Zeit anfing, wie einer von ihnen zu reden.

„Gude“, sagte er irgendwann statt „Na, Tach auch“. Und keiner lachte mehr.

Eines Abends im Spätsommer war wieder Musik im Dorf, aber diesmal ging’s nicht ums Tanzen. Er hatte ein kleines Radio dabei, stellte es auf den Fenstersims und sagte:

„Det is unser Lied, wenn’s ma kommt.“

Und auch wenn der Song One Way Wind erst später erschien, er sprach vom selben Gefühl: dem Wind, der kommt und geht – und dem Wunsch, dass einer bleibt.

Sie blieben. Und irgendwann – kam ich.

Der Anfang zweier Leben.
Und der Beginn meines eigenen.